Der graue Riese erwacht

Seit 7 Jahren sucht die Bewohnerschaft des Quartiers in Bezirk und Senat an, den Bau dreier monofunktionaler Wohnungsbaufelder zu überdenken.  

Was 2013 noch hoffnungsvoll „städtebaulich-freiraumplanerischer Wettbewerb mit Ideenteil und anschließender Konzeptvergabe“ hieß, verwandelte sich in stillen Senatskammern zu: die SAGA bekommt alle Baufelder und baut in maßstäblicher Beziehung zum vorhandenen Bestand ihre neu entwickelten seriell konzipierten modularen “Systemhäuser” (Baukasten).

Dagegen formierte sich – für Großwohnsiedlungen bisher unüblich – ein wachsender Protest. Der  Stadtteil fordert in erster Linie einen neuen Gesamtplan, der die 1969 in vielerlei Hinsicht modern geplante „Vorzeigesiedlung“ endlich wieder an die allgemeine Stadtentwicklung Anschluss nehmen lässt. Was vor 50 Jahren Stand der Entwicklung in Steilshoop war, ist heute z.B. mit Blick auf die innovativ entwickelte Hafencity vollkommen überholt. Monofunktionaler Wohnungsbestand ohne Urbanität, ohne U-Bahn, ohne Einkaufsmöglichkeiten (abgesehen von einem Discounter für die Grundversorgung von mehr als 13.000 Menschen), ohne Restaurants, Theater, Kino, Ateliers, Workspaces und zeitgemäße diverse Wohnformen hängt den Stadtteil von jeglicher Entwicklung ab und wollen die Bewohner nicht länger hinnehmen. 

Deswegen kämpfen sie für den Erhalt eines 1,8 Hektar großen Grundstücks am Borchertring in der Randlage am Bramfelder See. Hier können strukturelle Defizite der Siedlung nicht nur mit investiven – der Bauwirtschaft nutzend – Mitteln verbessert, sondern neue soziale Strukturen und zeitgemäße Wohn- und Arbeitssituationen in die Wege geleitet werden.
Graue Energie sollte erhalten werden, womit schon programmatisch auf eine für Steilshoop vollkommen neue Richtung eingeschwenkt wird. Das ehemalige Schulgrundstück verfügt über eine intakte Turnhalle und verkehrssichere Schul- und Seminargebäude mit Aula in denen wohnen, arbeiten, lernen und Freizeit neu gedacht und nachhaltig aufgebaut werden kann. Die naturnahe Umgebung am Ufer des Sees ist ein sensibler ökologischer Rückzugsort für Graureiher, Fledermäuse, Kormorane, kleine Kröten und weitere Arten, der nicht durch Monumentalbauten zerstört werden sollte.

Für die Nachnutzung der Gebäude entwickelte der Verein VENS Konzepte, die die fehlenden Sozialräume, gerade in Zeiten von Corona für alle im Stadtteil wohnenden nutzbar macht. Den Anfang bereitet ein seit wenigen Wochen existierender Unverpacktladen, der in der Bevölkerung auf freudige Zustimmung stößt. Das als Gemeinbedarfsfläche ausgezeichnete Grundstücke soll auch weiterhin dem Anliegen der Bevölkerung als Sportort, für Kunst, Kultur und der Erwachsenenbildung Rechnung tragen und mit einem integrativen Wohnmodell verknüpft werden. Kaum jemand weiß, dass in diesem Stadtteil einmal Europas größtes Wohnmodell verwirklicht wurde. An diese Idee von zukunftsweisenden Gemeinschaftsformen mit Workspaces, Laboren, Tauschräumen und Reparaturcafé wollen die Protagonisten anschließen. Sie stießen in Vorstellung ihrer Ideen auf Zustimmung. Allein Politik und Verwaltung in Bezirk und Senat schmettern den Aktivisten in jedem Gespräch ein unversöhnliches/unverständiges “Aber Hamburg braucht Wohnungen und die bauen wir hier!” entgegen. 

Die verfahrene Situation will die SAGA nun durch schnellen Abriss, sprich Rückbau „bereinigen“. Angesichts der Erwartung, dass in Steilshoop eine weniger schnell zu aktivierende Bevölkerung vermutet wird, und juristisch Beschlagene eher selten unter den Protestierenden zu finden sind, glaubt die Stadt leichtes Spiel in der Durchsetzung ihrer Ziele zu haben. 

Ein breites Bündnis aus Initiativen, Vereinen und Stadtteilgremien hat jetzt die Faxen dicke und ist entschlossen den abgehängten und deswegen übel beleumundeten Stadtteil aus der baulichen Rückständigkeit in eine neue und wünschenswerte Zukunft zu bewegen. Bevor kein neuer Bebauungsplan in Sicht ist, werden die Bewohner den Abriss zu verhindern suchen. Es ist übrigens Hamburgs am dichtesten bewohnte Quartier (Statistik 2018: 20.115 Einwohner je km²). Auch dieses zum Nachdenken anregende Argument, hat die Politik bislang wenig beeindruckt. Der Sozial- und Verkehrskollaps steht dem Viertel drohend vor Augen.
Die Bewohnerschaft wird den Zugewinn der SAGA durch eine erzwungene Wanderschaft bezahlen, die ihnen nur in anderen Vierteln als ihrem eigenen erlaubt am sozialen, kulturellen, sportlichen und kommerziellen Leben Hamburgs teil zu haben.